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Stefan Schiffer
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Die Rolle der Absolventen als Bindeglied zwischen Universität und Öffentlichkeit

Rede zur Sponsions- und Promotionsfeier der Technisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Johannes Kepler Universität Linz am 3. Juli 1997.

Stefan Schiffer

 

Sehr geehrte Vertreter der Universität, sehr geehrte Festgäste, liebe Kollegin, liebe Kollegen!

Kennen Sie den Zusammenhang zwischen der Liebe zu Braunbären und dem Bildungsgrad? Nein? Dann haben Sie die "Presse" vom 16. Mai nicht gelesen, wo auf Seite 13 folgendes bekanntgegeben wurde: Nach einer Befragung von 500 Personen erfolgte die höchste Zustimmung zu einer Aussetzung von Bären und Wölfen in Österreichs Wäldern durch junge, gebildete oder in Ausbildung befindliche Menschen aus größeren Orten oder urbanen Zentren und mittelgroßen Haushalten mit einem Einkommen von etwa 30.000 Schilling. 73 Prozent der 15 bis 29jährigen und 66 Prozent der Universitäts- und Fachhochschulabsolventen äußerten sich positiv, hingegen sprachen sich 61 Prozent der Bauern dagegen aus und auch Pensionistinnen reagierten mit 58 Prozent negativ. Die "Presse" vermutete bei den Pensionistinnen eine gewisse Ängstlichkeit, erklärte aber nicht, warum die Bauern nur wenig von Bären und Wölfen in freier Wildbahn halten.

Was will uns eine Tageszeitung, die sich ihrer gebildeten Leser rühmt, mit einer solchen Meldung sagen? Wohl nur eins, daß auch ein gutes Blatt manchmal der Versuchung nicht widerstehen kann, in wissenschaftlich klingende Zahlen verpackten Nonsens unters Volk zu bringen und dafür ein renommiertes Meinungsforschungsinstitut zu beauftragen, das seinerseits manchmal der Versuchung nicht widerstehen kann, für wissenschaftlich klingenden Nonsens gutes Geld zu nehmen.

Und warum zitiere ich diese Meldung? Weil sie gut zu jener Thematik paßt, über die ich in den nächsten fünfzehn Minuten sprechen werde, nämlich zur Rolle der Absolventen als Bindeglied zwischen Universität und Öffentlichkeit.

Qualität von Information

Wir sind heute mit einer Flut von Daten konfrontiert, der wir oft nur mit Mühe jene Informationen entnehmen können, die wir für unser privates und berufliches Handeln brauchen. Die Absolventen einer Universität sollten nicht nur über praktisches und theoretisches Wissen verfügen, sondern vor allem gelernt haben, wie man Wissen erwirbt und Erkenntnis gewinnt. Zum wirksamen Wissenserwerb ist die Fähigkeit notwendig, rasch die Informationsspreu vom Weizen zu trennen. Um einen technischen Ausdruck zu verwenden: ein hoher Signal-Rauschabstand erleichtert diesen Prozeß.

Wenn uns nun die "Presse" mit einer völlig überflüssigen und in den Schlußfolgerungen trivialen Meinungsumfrage zur Bärenliebe der Österreicher beglückt, so haben Akademiker in den Redaktionsstuben und im ausführenden Meinungsforschungsinstitut wohl vergessen, wie sehr sie als angehende Absolventen darunter gelitten haben, aus dutzenden Büchern jene Informationen zu extrahieren, mit der sie für ihre Diplomarbeit oder Dissertation etwas anfangen konnten. Denn hätten sie sich daran erinnert, so würden sie eine ihrer Aufgaben darin sehen, unter Einsatz ihres Expertenwissens aus der Vielzahl von täglich neu produzierten Daten, solche Informationen zusammenzustellen, die eine gewisse Mindestqualität aufweisen.

In der selben Ausgabe der "Presse" stellt Erich Witzmann auf Seite 2 die Frage in den Raum, ob die Heranbildung der künftigen Führungsschicht - von unserem Staatsoberhaupt als "Elite" bezeichnet - an den österreichischen Universitäten gefördert wird. Willi Dörfler, Rektor der Universität Klagenfurt, nennt dafür drei Voraussetzungen: (1) ausreichende materielle und personelle Ressourcen, (2) die Ausweitung der Autonomie bei der Gestaltung des Studienangebotes und (3) eine Anhebung der Accountability, was laut Englischwörterbuch "Verantwortlichkeit" heißt, in diesem Zusammenhang aber durchaus etwas anderes bedeuten kann. Ich kenne den richtigen Gebrauch dieses Wortes nicht und habe diesen Punkt von Dörfler deshalb auch nicht ganz verstanden.

Sprachkultur

Damit komme ich auf die Rolle der Absolventen bei der Wahrung der Sprachkultur zu sprechen.

Die deutsche Sprache scheint nicht nur als Wissenschaftssprache, sondern auch als Umgangssprache an Boden zu verlieren. Sie wird zunehmend mit dem Amerikanischen kontaminiert. Das österreichische Wirtschaftsmagazin Trend stellte im Mai die Frage "Heißt es aus für die Bildung?". Im selben Heft wirbt Volvo mit "Drive yours dreams", die Raiffeisen Zentralbank mit "You are welcome", Fidelity Investment ist die Nr. 1 für "Emerging Markets", Siemens meint "Let’s make things better", der Schuhhersteller Bally frohlockt "What a feeling" und die Wirtschaftskammer stellt das Gütesiegel "Responsible Care" für verantwortungsvolle Unternehmen vor, um nur einige Beispiele zu nennen. Sollte das Aus für die Bildung auch das Aus für die deutsche Sprache sein? Selbst Akademiker, die in den inneralpinen Regionen Österreichs aufgewachsen sind, meinen ihren "Time-Planer updaten zu müssen, weil ein schon gecheckter Termin wegen eines Kick-off-Meetings gecancelt werden mußte und jetzt nichts mehr fittet". Und die Stadt Linz ist stolz auf ein "Museum of the Future", das als "Museum der Zukunft" wahrscheinlich ebenfalls gut besucht wäre.

Ich meine, daß Absolventen einerseits gelernt haben sollten, sich mit dem an der Universität erlernten Vokabular fachmännisch auszudrücken, daß sie anderseits aber auch die Fähigkeit besitzen sollten, Fragestellungen und Erkenntnisse aus ihrem Fachgebiet in klarem Deutsch so darzustellen, daß auch Laien ihren Erläuterungen folgen können. Die Suche nach dem richtigen deutschen Begriff, etwa für ein englisches Fachwort, ist oft mühsam, zahlt sich aber meist für beide Seiten aus, weil der Gedankenaustausch erleichtert wird.

Und damit komme ich zu meinem Hauptanliegen, der Präsentation der Arbeiten von Absolventen in der Öffentlichkeit.

Präsentation von Dissertationen und Diplomarbeiten

Dissertationen müssen zu den Spitzenleistungen einer Universität gehören und auch Diplomarbeiten sollen gehaltvoll sein. Ich bin überzeugt davon, daß an dieser Universität viele exzellente Dissertationen und Diplomarbeiten geschrieben wurden, aber weiß die Öffentlichkeit davon? Vor einigen Jahren wurde eine Veranstaltung ins Leben gerufen, die sowohl bei den Instituten als auch in der Öffentlichkeit ein positives Echo hervorrief - die Präsentation von Forschungsergebnissen. Bei dieser frei zugänglichen Veranstaltung zeigen Wissenschaftler über mehrere Tage hinweg, mit welchen Problemen sie sich auseinandersetzen und zu welchen Ergebnissen sie gelangt sind.

Das ist ein guter Anfang, aber zuwenig. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, und vermutlich auch ein Interesse daran, beispielsweise alle Dissertationen im Rahmen einer institutionalisierten Veranstaltung vorgestellt zu bekommen und dazu Stellung nehmen zu dürfen. Die Verteidigung einer Dissertation, wie eine solche Veranstaltung bezeichnet wird, ist in vielen Ländern üblich, in Österreich aber nicht.

Der akademische Grad eines Doktors der technischen Wissenschaft wurde mir heute deshalb verliehen, weil ich erstens eine Dissertation verfaßt und zweitens das Rigorosum, das ist die mündliche Doktorprüfung, bestanden habe.

Dieses Rigorosum ist ein alter Zopf, der dringend abgeschnitten gehört und durch Zeitgemäßeres ersetzt werden muß.

Ich schlage statt des Rigorosums "Dissertationstage" vor. Etwa zwei Wochen vor jedem Promotionstermin, d.h. viermal im Jahr, sollten die Doktoranden aller Fakultäten verpflichtet sein, ihre Dissertation im Rahmen eines Kolloquiums zu präsentieren und zu verteidigen. Eingeladen wären dazu nicht nur Angehörige der Universität, sondern auch die Öffentlichkeit, insbesondere Experten aus der Praxis. Alle Teilnehmer wären berechtigt, Fragen zur Dissertation an den Kandidaten zu richten, allerdings nicht in Form einer Prüfung, sondern in Form eines offenen Disputs. Eine ebenfalls anwesende Doktoratskommission hätte nicht über eine Note zu befinden, sondern darüber, ob der Kandidat sein Fach beherrscht. Eine Note gäbe es ausschließlich für die schriftliche Arbeit.

Durch ein solches Vorgehen wäre die Öffentlichkeit viel stärker als bisher in das wissenschaftliche Geschehen an der Universität einbezogen, und die Präsentation vor Praktikern sollte für die Doktoranden ein Ansporn sein, den Zusammenhang von Theorie und Praxis überzeugend darzustellen. Als positiver Nebeneffekt könnte sich anschließend so manches Karrieregespräch ergeben. Aus diesen Gründen sollten auch Diplomanden, die ausgezeichnete Diplomarbeiten verfaßt haben, eingeladen sein, ihre Arbeiten im Rahmen der Dissertationstage vorzustellen.

Ich schließe mich in diesem Sinne dem Kulturphilosophen Wolfgang Müller-Funk an, der vor kurzem forderte, die Wissenschaft müsse lernen, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen ("Die Presse" vom 12.6.97, S. 9) und ich ergänze diese Forderung um drei Punkte: (1) die Universitäten sind verpflichtet, ihre Absolventen darin zu auszubilden, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen (2) sie sind verpflichtet, ihren Absolventen die Möglichkeit zu geben, ihr Fachwissen in der Öffentlichkeit zu präsentieren und (3) der Öffentlichkeit, und damit meine ich vor allem die Medien, sollte es ein Anliegen sein, sich für wissenschaftlichen Arbeiten stärker als bisher zu interessieren.

Stellenwert des Titels

Nach der Dissertation oder Diplomarbeit stellt sich die Frage nach der beruflichen Laufbahn. Die hier anwesenden Absolventen haben ein technisches Studium abgeschlossen und dürfen stolz darauf sein, einen akademischen Grad erworben zu haben, der nicht nur Intelligenz und Fleiß voraussetzt, sondern im allgemeinen auch einen raschen Berufseinstieg garantiert.

Fünfzehn Kollegen, die heute den Titel Diplomingenieur verliehen bekamen, haben Mechatronik studiert, eine Studienrichtung, die sich durch besondere Praxisnähe auszeichnet und Generalisten heranbilden soll.

Ich sagte Generalisten und nicht Generäle, denn ein akademischer Grad ist kein Rangabzeichen. Man ist nichts Höheres oder Besseres, weil man ein Studium abgeschlossen hat. Wenn wie eingangs erwähnt, von Eliten gesprochen wird, dann soll damit die Fachkompetenz und Leistungsfähigkeit einer Personengruppe gemeint sein, nicht aber ihre soziale Rangstellung. Eliten werden in allen Bereichen gebraucht, im Handwerk ebenso, wie in Dienstleistungsberufen und in der Politik. Dünkelhaftigkeit soll mit diesem Begriff nichts zu tun haben.

Viel wichtiger als der Titel vor dem Namen ist die Einsicht, daß mit dem akademischen Grad die Verpflichtung verbunden ist, eine aktive Rolle in der Gesellschaft einzunehmen. Eine solche Rolle verlangt nach Selbstbewußtsein, das auf Erkenntnis und Leistung gründen muß, wenn es Bestand haben und überzeugend wirken soll. Der Titel alleine wäre eine schwache Basis.

Kontaktpflege

Die berufliche Praxis wird an die Absolventen außerordentliche Anforderungen stellen und der schnelle technologische Wandel verlangt hohe Flexibilität und kontinuierliche Weiterbildung. Die Pflege des Kontakts zwischen Universität und Absolventen ist deshalb von großer Bedeutung.

Der Wissenstransfer von den Universitäten zur Praxis muß reibungslos funktionieren und ebenso müssen Anforderungen und Erkenntnisse der Praxis rasch an die Universität gelangen, damit nicht am Bedarf vorbei geforscht wird.

In diesem Prozeß kommt den Absolventen als Bindeglied zwischen Universität und Öffentlichkeit eine tragende Rolle zu. Das Motto muß lauten "Bleibe in Kontakt" oder wie es Werbefritzen vermutlich formulieren würden "Keep in touch".

Mit den modernen Medien sollte es leicht sein, zwischen Absolventen und Universität auch über große Distanzen hinweg einen stabilen Kommunikationskanal aufrecht zu erhalten. Wissenschaftliche Arbeiten können über das Internet abgerufen werden, Einladungen zu Vorträgen können per elektronischer Post versandt werden, internationale Videokonferenzen sind möglich und vieles mehr.

Hier ist zunächst die Universität gefordert, die technische aber auch organisatorische Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Diese Infrastruktur und die professionelle Aufbereitung des Angebots ist eine Bringschuld der Universität. Leider liegt in diesem Bereich noch vieles im Argen, weil sich nur langsam die Einsicht durchsetzt, daß außer den durchaus lobenswerten Einladungen zum Universitätsball, dem Versand der Uni-Nachrichten und des Katalogs der Weiterbildungsveranstaltungen mehr getan werden muß, um mit den Absolventen in Verbindung zu bleiben.

Investitionen in die Kontaktpflege könnten sich schneller lohnen als man annimmt. Gerade in Zeiten, wo die Uni einen guten Teil ihres Forschungsbudgets über private Mittel auftreiben muß, kann ein zweckmäßiges technisches und organisatorisches Instrumentarium dabei behilflich sein, auch jene Absolventen nicht aus den Augen zu verlieren, die als Führungskräfte in der Wirtschaft über Forschungsgelder verfügen.

Ich schlage deshalb vor, jedem Absolventen auf Lebenszeit einen Zugang zu den elektronischen Diensten der Universität zu gewähren und ihm einen kostenlosen elektronischen Briefkasten zu Verfügung zu stellen - auf Deutsch: einen kostenlosen Email-Account.

Das Angebot der Universität zu nutzen, ist eine Holschuld der Absolventen. Der Lohn dafür ist, auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben und einen bedeutenden Vorsprung gegenüber jenen zu besitzen, die mit Abschluß des Studiums das Gehirn auf Sparmodus schalten bzw. ihren Blickwinkel auf jenen Ausschnitt ihres Fachgebiets reduzieren, der zur Durchführung der jeweiligen Aufgabe gerade ausreicht.

Mein Credo lautet: Gebe das Denken nicht auf und glaube daran, daß sich Spitzenleistungen auszahlen. Nur so zu handeln, daß man sich für seine Arbeit nicht schämen muß, ist zu wenig. Mittelmäßigkeit ist ohnehin zu weit verbreitet. Gerade wir Techniker müssen Visionen haben, um die von uns geschaffenen komplexen Systeme weiterentwickeln zu können und wir müssen fähig zur Selbst- und Fremdkritik sein, damit der technische Fortschritt der Gesellschaft wohl bekommt.

Schlußwort

Die Absolventen und die Universität müssen an einem Strang ziehen, um der Öffentlichkeit ein glaubhaftes Bild vom Wert der Hochschulen zu vermitteln.

Deshalb bedauere ich sehr, daß unser Herr Rektor wegen Arbeitsüberlastung nicht mehr oder kaum noch Zeit findet, an Sponsionen und Promotionen teilzunehmen, um vor den Absolventen und ihren Angehörigen seine Visionen zu artikulieren.

Wenn Kampf des Rektors mit dem Tagesgeschäft zu Lasten einer eloquenten Vertretung der Universität nach außen eine Nebenwirkung des neuen Universitäts-Organisationsgesetzes ist - das eigentlich mehr Handlungsspielraum bringen sollte, dann ist etwas gründlich schief gelaufen.

Doch ich möchte heiter schließen und dazu einen philosophischen Gedanken von Eugen Roth zitieren. Ich kehre damit auch wieder an den Anfang meiner Rede zurück, wo es um die nur scheinbar interessante Beziehung zwischen Bärenliebe und Bildungsgrad ging.

Ein Mensch verteidigt mit viel List:
Die Welt scheint anders, als sie ist!
Sein Gegner aber streng verneint:
Die Welt ist anders, als sie scheint.